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Im Gespräch mit der ersten Kunstszene der BRD

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Rudolf Springer

Rudolf Springer

Rudolf  Springer
Foto © ullstein bild – CK-Press

Rudolf Springer

Berlin, 10. März 2008

Herr Springer, es hat Ihnen nicht an Mut und Optimismus gemangelt, als Sie 1948 – nach Ihrer Tätigkeit bei Gerd Rosen – hier in diesem Haus in Berlin-Zehlendorf Ihre erste eigene Galerie gründeten. Rudolf Springer (1909 Berlin – 2009 Berlin) leitete ab 1947 die Galerie Gerd Rosen in Berlin. 1948 eröffnete er in seinem Elternhaus in der Schillerstraße 10 in Berlin-Zehlendorf eigene Galerieräume. Er vertrat unter anderen Hans Uhlmann und Werner Heldt, sowie internationale Vertreter der Moderne, darunter Hans Arp, Willi Baumeister, Hans Bellmer, Max Ernst, Henri Laurens und Ernst Wilhelm Nay. Sie haben sich von Anfang an für die moderne deutsche Kunst engagiert. Können Sie formulieren, worauf dieses Engagement gründete?

Rudolf Springer: Das kann ich sehr genau sagen: Ich war vor dem Krieg Versicherungsagent und das jüngste Mitglied des sogenannten „Millionenklubs“ – das heißt, ich war einer von 10.000 Vertretern. Unser Generaldirektor, Dr. Heß, wohnte hier ganz in der Nähe. Er ist längst tot, denn er aß schon zum ersten Frühstück Spickaal. Mein Vater sagte immer: „Spickaal isst man nur am Abend.“ Ich esse Spickaal, wann ich will – in der Nacht, zum Frühstück oder am Abend … 

Als ich damals meinen Kunsthandel hatte, kam irgendwann Michael Werner aus Köln zu mir. Er hatte seine Mutter verloren und wollte, so erzählte er mir, eigentlich Diplomat werden. Das ging jedoch nicht, weil er dafür hätte studieren müssen. Studieren konnte er wiederum nicht, weil er kein Abitur hatte. Ich behaupte, er hat sein Abitur nicht gemacht, weil er durch den Tod seiner Mutter vollkommen aus der Bahn geworfen wurde – er hat stattdessen schwere Körperarbeit verrichtet. Diplomat konnte er also nicht werden, und dann hat er mehrere Galerien im In- und Ausland angeschrieben, darunter auch meine, und gefragt, ob er dort arbeiten könne. Ich war der Einzige, der reagiert hat, und habe ihm geantwortet: „Herr Werner, wenn Sie bei Gelegenheit in Berlin sind, kommen Sie bei mir vorbei.“ Nach dem Krieg gab es in Berlin übrigens nur vier Galerien. Werner kam per Anhalter hierher und ich habe dann zu ihm gesagt: „Sie können hier anfangen.“ Quer zum Ausstellungsraum hatte ich einen schmalen Büroraum, von dem aus ich sehen konnte, was Werner machte – er aber konnte nicht sehen, was ich machte, weil er mit dem Rücken zu mir saß. Werner hat sehr gut gearbeitet. Er war zwar nicht immer pünktlich, aber er arbeitete oft länger als er musste. Auch wenn er überhaupt kein Geld hatte, arbeitete er trotzdem mehr Stunden, als ich bezahlte. Wenn ich abends nach Hause ging, ging er immer noch in den Keller und schnitt Passepartouts. Er hat auch immer wieder Künstler zu mir gebracht, mit denen ich dann teilweise auch gearbeitet habe. Meine Galerie war keine Sortengalerie – ich habe einfach alles gemacht, was mir gefiel. Auch manches Überflüssige, zum Beispiel Kinski. Klaus Kinski (1926 Danzig, Pommern, heute Polen – 1991 Lagunitas, Kalifornien) war ein international beschäftigter Schauspieler, der auf die Darstellung psychopatischer Figuren spezialisiert war. Außerdem betätigte er sich als Dichter und Zeichner. In der Galerie Rudolf Springer sollte am 06. Januar 1954 eine Ausstellung mit Kohlezeichnungen von Kinski eröffnet werden. An dem Tag vor der Kinski-Vernissage kam ich mit meinem Bullterrier, den ich sehr liebte, in die Galerie. Kinski hatte ein Paket Stullen bei sich und schmiss ihm eine davon hin. Daraufhin sagte ich zu Herrn Kinski: „Bitte füttern Sie den Hund nicht. Der Einzige, der ihn füttert, bin ich – und er bekommt wirklich genug.“ Da schmiss er noch eine Stulle hin, woraufhin ich sagte: „Herr Kinski, Ihre Ausstellung ist hiermit abgesagt. Ich kann nicht vermeiden, dass Sie meinen Hund ungebeten füttern, aber ich kann Ihre Ausstellung vermeiden. Sie können Ihre Bilder zusammenpacken. Die Vernissage, die für morgen angesetzt war, wird nicht stattfinden.“ Damals kamen die Kritiker immer gleich am ersten Tag der Ausstellung – schließlich gab es, wie gesagt, nur sehr wenige Galerien. Ich hatte nie so viel positive Kritik wie zu dieser Ausstellung. Diese Geschichte wurde überall herumerzählt. Das war eine Eröffnung, bei der die Kunst nicht kritisiert werden konnte, dafür wurde umso ausführlicher über mich berichtet. Das ist mir unvergessen.

Das ist die Sorte Skandal, die Werner & Katz 1963 mit Georg Baselitz gesucht haben. Im Oktober 1963 eröffnete die Galerie Werner & Katz in Berlin mit einer Baselitz-Ausstellung. Die Schau umfasste 52 Bilder, darunter die Werke „A. A.“, „P. D. Stengel“, „Erste Semmel“, „Nackter Mann“ und „Die große Nacht im Eimer“. Am 09. Oktober 1963 wurden die beiden letztgenannten Bilder wegen des Vorwurfs der „Unsittlichkeit“ von der Berliner Staatsanwaltschaft beschlagnahmt. Vgl. o. A., „Baselitz-Prozess – Klage und Qual“, in: „Der Spiegel“, Nr. 26, 24.06.1964, S. 82–84.

Genau!

Sie hatten zu Beginn Ihrer Galerietätigkeit viele deutsche Künstler in Ihrem Programm. War das eine bewusste Entscheidung?

Nein. Ganz am Anfang habe ich natürlich Deutsche gezeigt, aber auch sehr bald mit den Franzosen begonnen. Ich war sehr viel in Paris, denn ich hatte während des Kriegs eine Französin kennengelernt. Wir Deutschen durften eigentlich nichts mit den Franzosen haben. Aber da ich ein ehrlicher Mensch bin, ging ich zum dortigen Bürgermeisteramt, der Mairie, und sagte: „Wenn ich mit Madame Soundso ein Kind bekomme, ist das mein Wille. Ich stehe für das Kind ein, denn ich bin der Vater.“ Damals habe ich eine Frau geheiratet, die mich 19-jährig belog: Ich hatte sie in einem Café am Montmartre kennengelernt. Dort saßen zwei Mädels und ein junger Arzt, und als ich sie fragte: „Was machen Sie eigentlich?“, sagte sie: „Ich studiere Medizin.“ Das stimmte aber gar nicht, sie wollte sich nur an mich ranmachen. Während des Kriegs wurde dann meine älteste Tochter, Catherine, geboren, sie lebt heute in Berlin. Meine zweite Tochter kam in Potsdam zur Welt. Meine Frau war hochschwanger nach Deutschland gekommen, obwohl damals eigentlich gar keine Leute mehr transportiert wurden. Da sie jedoch nachweisen konnte, dass sie die Mutter meines Kindes war, ging das irgendwie. Als das zweite Kind, Veronique, geboren wurde, war ich aus dem Krieg noch gar nicht zurückgekehrt.

Es ist zwar viel über Sie publiziert worden, zum Beispiel gibt es das Buch von Johannes Gachnang, Johannes Gachnang, „Das Loch. Hommage à Springer oder Bilanz einer Aktualität“, Bern/Berlin 1999. aber eine Dokumentation Ihrer Ausstellungen ist darin nicht enthalten.

Ich habe in 50 Jahren Galerie nicht 50 mal 12 ausgestellt, denn mehrere Künstler habe ich mehrfach ausgestellt. Bis heute kommen Leute zu mir, die einmal etwas von mir gekauft haben und es jetzt wieder verkaufen wollen. Ich habe aber inzwischen Pleite gemacht. Der Mann, der die Abwicklung der Insolvenz verantwortete, war sehr großzügig: Er hat nicht alle meine Schubladen durchsucht, sondern sich auf die Bilder und Plastiken beschränkt – und dadurch bin ich sehr gut weggekommen.

Mein Sohn Robert hat jetzt mit seinem Partner zusammen die Galerie Springer & Winckler in denselben Räumen, die ich früher hatte. Die Galerie wird seit 2012 von Robert Springer und seiner Frau Heide Springer geführt. Herr Winckler hat eine kaufmännische Lehre im Gartengroßhandel meines Nachbarn gemacht, und noch heute pflegen Mitglieder dieser Familie meinen Garten. Ich habe eine sehr starke Verbindung zu diesem Ort. Die größte Verbindung, die ich nach Berlin habe, ist natürlich mein Urgroßvater, der Firmengründer des Springer-Verlags, Julius Springer Julius Springer (1817 Berlin – 1877 Berlin) gründete 1842 in Berlin eine Buchhandlung mit dem angeschlossenen „Verlag von Julius Springer“, der sich bereits im 19. Jahrhundert zum Wissenschaftsverlag Springer mit naturwissenschaftlich-technischer Ausrichtung entwickelte. Springer hatte während der Revolution von 1848 auf der Seite der Aufständischen gekämpft und war seither Stadtverordneter von Berlin und von 1867 bis 1873 Vorsitzender des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler. Der Verlag wurde von den folgenden Familiengenerationen nach Verfolgung und Emigration in Deutschland unter den Nationalsozialisten zum Wissenschaftsverlag mit den Spezialgebieten Medizin, Biologie, Chemie und Physik mit weltweiten Niederlassungen ausgebaut. . Er hat nichts mit dem Hamburger Zeitungsverlag Springer zu tun.

Julius Springer, der Wissenschaftsverlag.

Richtig. Ich habe damit allerdings nichts zu tun, denn ich bin nur der zweitgeborene Sohn und musste mein Leben ganz anders anfangen. Mein ältester Bruder Bernhard war Verleger. Er ging nach Amerika, als der Verlag aufgrund seiner jüdischen Vergangenheit plötzlich Einschränkungen erhielt. Der alte Julius, der Verlagsgründer, war ein Jude, der jedoch zum christlichen Glauben übergetreten war. Schon als er den Verlag auf den Weg brachte, war er kein Jude mehr. Ich bin durch Lügen und Unterstützung meiner Vorgesetzten, die davon wussten, unbeschadet durch die Nazizeit gekommen. Ich habe den Krieg gut überstanden. Das Abitur habe ich 1927 in Plön gemacht, nachdem ich zweimal sitzen geblieben war. Obwohl mein Griechischlehrer ein ganz gemeiner Hund war, liebe ich einen griechischen Vers, den ich jetzt schon für meinen Grabstein vorgesehen habe: „Panta rhei – Alles fließt“. Der Grabstein ist schon fertig. Ein Feldstein, so wie man ihn hier findet. Er kommt auf das Grab hier in Zehlendorf, wo mein Vater und meine Mutter schon liegen. Ich bin in der Gedächtniskirche getauft worden beziehungsweise dort wurde meine Geburt bekannt gegeben. Meine Eltern hatten vor meiner Geburt noch eine Reise nach Paris unternommen. Sie hatten weder Pässe noch einen Personalausweis, sie brauchten nichts außer ein paar Goldstücken in der Westentasche meines Vaters. Damals gab es noch eine Goldwährung. Mein Vater bezahlte das Hotel mit einem Goldstück aus der Westentasche. Es waren etwas andere Zustände als heute.

Michael Werner sagt, Sie seien mit Ihrer Verwurzelung in Ihrem Familien-, Bekannten- und Freundeskreis ein Sinnbild dafür, was alles durch die Vertreibung und Ermordung der Juden verloren gegangen ist.

Wenn Sie bis zum Bahnhof Zehlendorf und zum Bahnhof Krumme Lanke fahren würden, könnte ich Ihnen erzählen, was sich allein auf dieser Strecke alles ereignet hat. Die Gegend war fast ausschließlich in jüdischem Besitz. Ich kann Ihnen genau sagen: Hier wohnte Dreyfus, ein riesiges Grundstück, dort wohnte die Familie Levy … und so weiter. Es war ein Villenviertel, in dem fast ausschließlich jüdische Familien wohnten.

Was wichtig ist, um Ihnen meine damalige Situation noch zu verdeutlichen: Wir waren sechs Kinder. Und meine Geschwister Bernhard und Eva waren älter als ich – die haben studiert. Die erste Frau von Bernhard war die Tochter eines Russen. Die Familie von Bibikov war nach dem Ersten Weltkrieg von Moskau nach Deutschland gekommen. Der Vater war ein hübscher Großer, der ehemals beim Zaren angestellt war. Frau von Bibikov konnte gut Deutsch und gab hier Englischunterricht. Die Tochter, Kira von Bibikov, arbeitete in einer Damenwäscherei. Ich besserte ihre schwierige Arbeitssituation dadurch auf, dass ich ihr eine Stellung bei der Allianz verschaffte. Und eines Tages heiratete sie dann meinen Bruder, mit dem sie während der Nazizeit nach Amerika ging. Sie hatten keine Kinder, dafür aber 20 oder 22 Katzen. Und auch mit seiner zweiten Frau hatte Bernhard keine Kinder. Schließlich heiratete er Ursel, die jetzige Frau Springer. Als er auch mit ihr keine Kinder bekam, stellte man eines Tages fest, dass er zeugungsunfähig war. Hier am Kamin hat Ursel zu mir gesagt, ich solle ihr ein Kind machen. Später wollte sie dann alles dem Sohn von Bernhard erklären. Ich war einverstanden, aber Gott sei Dank sagte meine damalige Frau, auch ich war bereits in dritter Ehe verheiratet, dass sie das nicht möchte, es gäbe nur Komplikationen. Ich dachte damals: „Das ist doch früher sehr oft gemacht worden. Selbst die Fürsten konnten mitunter keine Kinder bekommen und dann wurden ihnen die Kinder untergeschoben.“ Aber meine Frau wollte es partout nicht. Ursel, heute Witwe, ist in Amerika geblieben und in Verbindung mit der Firma Springer Publishing ganz groß geworden.

Sie haben sehr früh den ostdeutschen Maler Gerhard Altenbourg Gerhard Altenbourg (eigtl. Gerhard Ströch; 1926 Rödichen-Schnepfenthal – 1989 Meißen) war ein Grafiker, Maler und Dichter. Seine erste Einzelausstellung fand 1952 in der Galerie Rudolf Springer in West-Berlin statt, 1959 war er auf der „documenta 2“ vertreten. in Ihrer Galerie gezeigt.

Entschuldigung, aber auch Baselitz ist ja ein Ostdeutscher. Er heißt Baselitz, weil er aus Baselitz kommt. Georg Baselitz wurde als Hans-Georg Kern in Deutschbaselitz in der Oberlausitz geboren. Seit 1958 nennt er sich in Anlehnung an seinen Geburtsort Georg Baselitz.

Genauso wie Altenbourg auch nicht als Altenbourg geboren wurde. Im Gegensatz zu Baselitz ist Altenbourg jedoch in Ostdeutschland geblieben.

Altenbourg war ein hochintelligenter Mann, ich liebte seine Sachen sehr. Ich hatte ihm auch eine Stellung in Hamburg besorgt, aber er konnte sich von dem Haus, in dem er lebte, nicht trennen. Noch heute habe ich Kontakt zu seiner Schwester, die auch eine uralte Dame ist. Alles, was veröffentlicht ist, hat sie gemacht. Wenn er hier übernachtete, saß er in einem ungeheizten Zimmer meiner Mutter, und wenn ich nach drei Stunden aus der Stadt wiederkam, saß er immer noch da und las. Er war ein hochintelligenter Mann, und seine Malerei ist sehr interessiert. Seine Bilder haben etwas Japanisches. Das sieht aus wie getuscht – wie bei den Japanern.

Hat er Sie nach dem Bau der Mauer noch einmal in West-Berlin besucht?

Natürlich, natürlich!

Und das ging ganz ohne Schwierigkeiten?

Das ging. Ja, ja.

Haben Sie ihn auch in Ostdeutschland besucht?

Einmal. Das fand ich so schauderhaft, dass es das erste und letzte Mal war. Und dann ist er ja beim Autofahren tödlich verunglückt. Damals habe ich in meiner schnoddrigen Berliner Art gesagt: „Da wäre doch sowieso nichts Gutes mehr gekommen.“ Seine letzten Bilder mochte ich nicht besonders.

Wie wichtig ist für Sie die Persönlichkeit eines Künstlers? Michael Werner zum Beispiel betont, für ihn sei die künstlerische Erscheinung von der persönlichen nicht zu trennen. Er brauche den ganzen Menschen, um die Kunst zu verstehen, um die Kunst zu schätzen und sich mit ihr auseinanderzusetzen.

Ich bin da vollkommen anders – ich habe niemals nach Sorten gehandelt, sondern nach Geschmack. Ich habe mir jetzt wieder ein Buch besorgt, das ich im Krieg mithatte, es heißt „Kunst oder Kitsch“ Franz Linde, „Kunst oder Kitsch? Ein Führer zur Kunst“, Berlin 1934. . Das war meine Bibel oder mein Kampf. Zum Beispiel ist darin ein Bild, das mich besonders interessierte: Cézannes „Der Knabe mit der roten Weste“ Paul Cézanne, „Der Knabe mit der roten Weste“, um 1888/90. . Was ist an diesem Bild auffällig?

Die Länge des Arms.

Richtig. Der reicht bis zur Erde, wenn er steht. Da habe ich gelernt, was Kunst sein darf. Ich bin kein guter Kunsthändler geworden, weil ich etwas von Kunst verstehe, sondern weil ich ein Gefühl für Kunst habe. Das hängt auch damit zusammen, dass ich ein Urenkel von Julius Springer bin. Ich habe es im Blut, wie man so schön sagt.

Meinen Sie, dass das Verständnis von Kunst generationsbedingt ist?

Bruno Brunnet und seine Frau Nicole Hackert, die heute zu den größten Kunsthändlern in Berlin zählen, handeln beispielsweise hauptsächlich mit Künstlern ihrer eigenen Generation, beschäftigen sich aber auch mit anderen Künstlern. Übrigens habe ich neulich herausgefunden, dass Nicoles Vater bei der gleichen Versicherung arbeitet wie ich früher – er ist bloß nicht so gut. Ich war damals der beste und jüngste Vertreter von über 10.000. Wenn meine Frau heute bei irgendeiner Versicherungssache dem Vertreter sagt, dass ich das auch mal gemacht habe, ist der immer platt. Dabei ist das genau das Gleiche – mit Versicherungen ist es nur viel leichter.

[Unterbrechung durch Telefon]

In meiner Gegenwart darf niemand „Okay“ sagen.

In Ordnung!

Ja, das finde ich viel schöner, besonders, wenn man über Sex redet. Wenn ich Sie frage: „Wie war denn der Mann gestern?“, und Sie antworten: „Okay“, dann bitte ich Sie: „Sagen Sie doch bitte ‚in Ordnung‛.“ Ich mache einige von solchen Sprachgewohnheitskorrekturen, das ärgert meine Frau furchtbar. Zum Beispiel mag ich es nicht, wenn man „auf der Welt“ sagt. Die Leute müssen „auf der Erde“ sagen. Wissen Sie, durch wen ich das gelernt habe? Durch Albert Einstein. Einstein hat mathematisch dargelegt, dass es nicht nur drei Dimensionen gibt, sondern auch noch eine Vierte, nämlich die Zeit. Einstein hat auch erklärt, dass es Sterne gibt, die schon seit Millionen Jahren nicht mehr leuchten – und trotzdem ist das Licht immer noch unterwegs. Ich will Ihnen etwas zeigen: Das ist ein Stein, den es auf der Erde nicht gibt, der kommt von einem Kometen. Und dann möchte ich Ihnen gleich noch etwas anderes zeigen. Hier, das habe ich aus Israel mitgebracht. Das ist ein Glas aus der Zeit vor der Geburt Christi.

[Unterbrechung durch Telefon]

Und dann möchte Ihnen noch etwas Rührendes erzählen: Ich habe Michael Werner das Du angeboten, und da hat er gesagt: „Ich möchte Sie lieber weiter siezen.“ Ich sage: „Warum denn?“ – „Weil ich Achtung vor Ihnen habe.“ Das ist sehr lieb, nicht wahr? An und für sich bin ich mit ihm sehr gut befreundet. Natürlich habe ich ihn auch zu meinem Geburtstag eingeladen, aber er kann Baselitz überhaupt nicht mehr leiden. Werner ist ein riesen Lüpertz-Fan und Baselitz kann er nicht mehr leiden. Das ist ein vollkommenes Versagen seines künstlerischen Verstands.

Ich glaube, er ist als Galerist mit Baselitz groß geworden. Die erste Zeit hat er sich sehr auf Baselitz fokussiert und ihn offenbar als Austauschpartner sehr geschätzt. Irgendwann gab es dann wohl persönliche Differenzen, aber als Künstler und als Intellektuellen hat er Baselitz sehr geschätzt. Sie selbst haben Baselitz in Ihrer Berliner Galerie gezeigt – auch zusammen mit Michael Werner. „Baselitz“, Galerie Rudolf Springer, Berlin, 29. Januar – 12. Februar 1966. Wann haben Sie Baselitz eigentlich kennengelernt? War das durch die Ausstellung bei Werner & Katz?

Nein, keineswegs. Baselitz kam hier in der Galerie an – damals noch als Hans-Georg Kern – und wollte mich sprechen. Ich war aber nicht da und so hat Werner ihn für sich in Anspruch genommen. Eigentlich wollte Baselitz zu mir.

Wie kam es dann zu der gemeinsamen Baselitz-Ausstellung in Ihrer Galerie? Damals arbeitete Michael Werner ja nicht mehr für Sie.

Ich bin in den Beurteilungen ziemlich großzügig gewesen.

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